Mein Rückblick auf den Themenabend in Köln

Am 26. April 2026 durfte ich in Köln an einem besonderen Themenabend teilnehmen:
„Trans*rechte sind Menschenrechte – Selbstbestimmung in der Medizin“.

Die Veranstaltung fand im Großen Forum der Alten Feuerwache Köln statt und wurde von Queeramnesty NRW | Köln und PAQT organisiert. Geleitet wurde der Abend von Guillaume Carpentier von Queeramnesty NRW.

Für mich war es eine wertvolle und wichtige Erfahrung, als Peer-Beraterin Teil dieses Abends zu sein – nicht nur fachlich, sondern auch persönlich.

Ein Abend mit vielen Perspektiven

Die Veranstaltung dauerte etwas mehr als 90 Minuten und war in mehrere Teile gegliedert: kurze fachliche Impulse, eine Podiumsdiskussion und anschließend eine offene Diskussion mit den Besucherinnen und Besuchern.

Auf dem Podium kamen unterschiedliche Perspektiven zusammen:

Ein Arzt aus einer Klinik in Essen brachte die medizinische Sicht ein. Eine Gleichstellungsbeauftragte sprach aus institutioneller und struktureller Perspektive. Eine Vertreterin für Asylsuchende machte deutlich, welche zusätzlichen Hürden trans* Personen mit Flucht- oder Migrationserfahrung erleben können. Ich selbst war als Peer-Beraterin eingeladen und konnte meine Erfahrungen aus Beratung, Begleitung und eigener Lebensrealität einbringen.

Gerade diese Mischung machte den Abend so wertvoll. Denn medizinische Selbstbestimmung ist kein rein medizinisches Thema. Sie berührt Recht, Sprache, Zugang, Vertrauen, Schutz vor Diskriminierung und die Frage, ob Menschen in ihrer Identität ernst genommen werden.

Worum es inhaltlich ging

Die vorbereiteten Fragen zeigten sehr deutlich, wie breit und komplex das Thema ist. Diskutiert wurde unter anderem über die größten Herausforderungen für trans* Menschen in Deutschland, über medizinische Versorgung, mögliche Behandlungsverweigerungen, rechtliche und bürokratische Hürden, Benachteiligung in der Medizin sowie über die besondere Situation geflüchteter trans* Personen. Auch die Frage, was Selbstbestimmung im rechtlichen, medizinischen und persönlichen Sinne bedeutet, stand im Mittelpunkt.

Für mich wurde an diesem Abend erneut sichtbar: Selbstbestimmung ist kein abstrakter Begriff. Für trans* Menschen entscheidet sie oft darüber, ob der eigene Lebensweg mit Würde, Sicherheit und fachlicher Unterstützung gegangen werden kann – oder ob Menschen immer wieder erklären, beweisen, warten und kämpfen müssen.

Medizinische Selbstbestimmung braucht mehr als gute Absichten

Ein zentrales Thema war die medizinische Versorgung. Viele trans* Menschen erleben, dass sie nicht selbstverständlich als Patientinnen und Patienten mit einem berechtigten Anliegen wahrgenommen werden. Stattdessen begegnen ihnen Unsicherheit, fehlendes Fachwissen, unnötige Hürden oder im schlimmsten Fall abwertende Behandlung.

Aus meiner Sicht braucht es deshalb mehr als einzelne engagierte Fachpersonen. Es braucht klare Strukturen, bessere Informationen, sichere Anlaufstellen und eine Haltung, die trans* Menschen nicht als Sonderfall betrachtet, sondern als Menschen mit einem Anspruch auf respektvolle und fachlich angemessene Versorgung.

Medizinische Selbstbestimmung bedeutet nicht, dass jede Entscheidung beliebig oder ohne fachliche Begleitung getroffen wird. Sie bedeutet aber, dass Menschen ernst genommen werden. Dass sie nicht entmündigt werden. Dass ihre Identität nicht ständig infrage gestellt wird. Und dass medizinische Entscheidungen in einem respektvollen, informierten und geschützten Rahmen möglich sind.

Die besondere Bedeutung von Peer-Erfahrung

Als Peer-Beraterin bringe ich eine Perspektive ein, die weder rein medizinisch noch rein juristisch ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Mut es kosten kann, den eigenen Weg zu gehen. Ich weiß aber auch, wie wichtig eine gute Begleitung sein kann – vor, während und nach wichtigen Schritten.

Peer-Beratung ersetzt keine medizinische oder rechtliche Fachberatung. Aber sie kann etwas leisten, was in vielen Systemen zu kurz kommt: Orientierung, Verständnis, emotionale Stabilität und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Gerade bei trans* Menschen ist dieses Gefühl oft entscheidend. Denn viele erleben nicht nur medizinische Fragen, sondern auch familiäre Konflikte, berufliche Unsicherheit, gesellschaftliche Vorurteile und die Angst vor Ablehnung.

Besonders wichtig war mir an diesem Abend auch der Hinweis, dass nicht alle trans* Menschen unter denselben Voraussetzungen ihren Weg gehen können. Für Menschen mit Behinderung, für Menschen im betreuten Wohnen oder in anderen unterstützenden Wohnformen können die Hürden deutlich höher sein. Sie sind oft stärker von Strukturen, Betreuungsverhältnissen, Einrichtungen, Kostenträgern oder fremden Entscheidungen abhängig.

Auch ältere trans* Menschen stehen vor besonderen Herausforderungen. Wer sich heute mit dem Thema Senioreneinrichtungen, Pflege oder betreutes Wohnen beschäftigen muss, stellt sich oft sehr konkrete Fragen: Werde ich dort in meiner Identität respektiert? Wird mein Name ernst genommen? Gibt es Verständnis für meine Lebensgeschichte? Kann ich sicher sein, nicht wieder unsichtbar gemacht oder falsch eingeordnet zu werden?

Hier zeigt sich besonders deutlich: Selbstbestimmung darf nicht nur für die Menschen gelten, die stark genug, mobil genug, gut informiert genug oder unabhängig genug sind, um für sich selbst einzustehen. Selbstbestimmung muss gerade dort geschützt werden, wo Menschen verletzlicher sind und stärker auf andere angewiesen sind.

Selbstbestimmung ist auch eine Frage von Strukturen

Der Abend hat deutlich gemacht: Viele Hürden entstehen nicht nur durch einzelne Vorurteile, sondern durch Strukturen. Durch lange Wege. Durch unklare Zuständigkeiten. Durch fehlendes Wissen. Durch Unsicherheit bei Fachkräften. Durch Formulare, Abläufe und Routinen, in denen trans* Lebensrealitäten nicht mitgedacht werden.

Das betrifft medizinische Einrichtungen ebenso wie Behörden, Beratungsstellen, Wohnformen, Pflegeeinrichtungen und soziale Unterstützungssysteme.

Wenn Menschen ohnehin schon abhängig von Hilfe, Begleitung oder institutionellen Entscheidungen sind, wird Selbstbestimmung besonders verletzlich. Dann reicht es nicht, allgemein von Akzeptanz zu sprechen. Dann braucht es konkrete Schutzräume, klare Standards und Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Was ich aus Köln mitgenommen habe

Der Themenabend in Köln hat mir noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig Räume sind, in denen offen, respektvoll und differenziert über trans* Rechte gesprochen wird.

Trans*rechte sind Menschenrechte. Dieser Satz ist keine politische Floskel. Er beschreibt eine Realität: Es geht um Würde, körperliche Selbstbestimmung, Schutz vor Diskriminierung und gleiche Teilhabe.

Für Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Verwaltungen, medizinische Einrichtungen, Pflege- und Betreuungseinrichtungen bedeutet das: Vielfalt darf nicht erst dann Thema werden, wenn es einen Konflikt gibt. Sie muss vorher verstanden, vorbereitet und praktisch umgesetzt werden.

Denn Selbstbestimmung braucht nicht nur Gesetze.
Sie braucht Menschen, die zuhören.
Strukturen, die schützen.
Fachkräfte, die informiert sind.
Und eine Gesellschaft, die Unterschiedlichkeit nicht als Problem betrachtet.

Mein Fazit

Der Themenabend in Köln war für mich ein wichtiger Beitrag zu mehr Sichtbarkeit, Aufklärung und Dialog. Er hat gezeigt, wie groß der Gesprächsbedarf weiterhin ist – aber auch, wie viel möglich wird, wenn verschiedene Perspektiven zusammenkommen.

Besonders deutlich wurde für mich: Trans*rechte betreffen nicht nur junge, sichtbare oder gut vernetzte Menschen. Sie betreffen auch Menschen mit Behinderung, Menschen in betreuten Wohnformen und ältere Menschen, die auf Pflege, Unterstützung oder institutionelle Strukturen angewiesen sind.

Ich bin dankbar, dass ich als Peer-Beraterin Teil dieser Diskussion sein durfte.

Denn am Ende geht es nicht nur um Medizin.
Es geht um Menschen.
Um Würde.
Um Vertrauen.
Und um das Recht, den eigenen Weg selbstbestimmt gehen zu dürfen.

Alexandra Dickschat
Speakerin, Mentorin und Beraterin für Diversity, Kommunikation und Selbstbestimmung
Peer-Beraterin für trans* Menschen und Begleiterin in Veränderungsprozessen